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UdF – Unerlaubt durch Freundesland

Das „russische Reich“ –gemeint war eigentlich die Sowjetunion der achtziger Jahre- beflügelte seit Jahren die Phantasie einiger DDR-Abenteurer. Ein riesiges Land voller weisser Flecken, die es zu entdecken galt …
Einige wenige europäische Gebiete, insbesondere Leningrad, Moskau und Kiew, waren offiziell mit einer DDR-Reisegruppe des staatlichen Reisebüros Intourist bereisbar. Individualtourismus, insbesondere für Ausländer, war in der Sowjetunion (SU) offiziell nicht möglich.
Wir hatten von illegal Reisenden gehört. Als Pionier galt der Pfarrer Gernot Friedrich aus Jena/Thüringen, der es bereits in den 60ger Jahren geschafft hatte, durch die SU zu reisen und isolierte deutsche Kirchengemeinden mit Bibeln zu versorgen Es hiess, dass er mit List sich die notwendigen Papiere beschafft hätte und so bis nach Wladiwostok im Fernen Osten und sogar in die Mongolei vordringen konnte.
Unser besonderes Interesse galt den „russischen“ Bergen, hatte doch die DDR nur den 1214 m hohen Fichtelberg aufzuweisen. Der weitere „Eintausender“ der DDR, der Brocken, war Deutschlands verbotener Berg. Auf ihm war eine KGB-Abhörzentrale eingerichtet worden, die eine Bergbegehung unmöglich machte.
Die Alpen lagen zwar geographisch günstig, waren jedoch erst ab Rentenalter realistisch erreichbar.
Die für DDR-Bürger jünger als 65 Jahre erreichbaren Gipfel der Reiseländer CSSR, Polen, Ungarn, Rumänien und Bulgarien hatten allesamt Dimensionen kleiner 3000 m.
Wirklich interessante Berge mit Höhen bis in den 7000 m Bereich befanden sich jedoch im „sozialistischen Bruderland“ Sowjetunion. Im Grenzbereich Europa-Asien, in der Sowjetrepublik Georgien (Stalins Heimat), lagen der 5334 m hohe Elbrus (Europas höchster Berg), der Kaspek sowie die Ushba. Und im sowjetischen Mittelasien an den Grenzen zu Afghanistan und China, gab es die vier Siebentausender Peak Kommunismus, Peak Korshnewskaja, Peak Lenin und Peak Pobeda (Sieg).
Es waren vorwiegend Bergsteiger, die zu DDR-Zeiten versuchten, in die verbotenen Gebiete der Sowjetunion vorzudringen, z.B. nach Königsberg, Murmansk, Wladivostok am Japanischen Meer, zu den Vulkanen Kamtschatkas, zur jüdischen Sowjetrepublik am Amur und natürlich in die Berge des Kaukasus, des Fan, des Tienschan, des Altai und des Pamir. DDR-Bergsteiger versorgten die teilweise im Untergrund arbeitenden deutschen Kirchengemeinden im Sibirien und Mittelasien (unter Stalin aus dem Wolgagebiet umgesiedelte Russland-Deutsche) mit deutschsprachigen Kinderbüchern und Bibeln.
Möglich wurden diese illegalen Reisen mit einem sogenannten „Transitvisum“, das einem die Durchreise durch die Sowjetunion von Polen nach Rumänien gestattete. Allerdings nur für einige wenige Tage. Die Kunst bestand darin, sich mit erfundenen Geschichten, selbst geschriebenen „Dokumenten“ und mit DDR-Schnaps und Textilien als Bestechungsmittel sich seinen Weg in Richtung Osten zu bahnen und dann bei der Rückreise an den computerlosen sowjetischen Grenzübergängen nach Rumänien Reue für seinen überzogenen Aufenthalt zu zeigen, einem auf einer Schreibmaschine getippten Bericht zuzustimmen und eine Strafe von wenigen Rubeln zu bezahlen. KGB und Stasi wussten wenig mit diesen „Transis“ anzufangen ...
Immer wieder gab es in der DDR Gerüchte, wonach es DDR-Bürger geschafft hätten, auf Siebentausender zu steigen, verlassene Lager des Archipel Gulag aufzusuchen, Nomaden jenseits des Polarkreises aufzuspüren, mit einem Hubschrauber zu „trampen“ und Fluchtversuche nach Alaska mittels Paddelboot und nach China mit gefälschten Unterlagen zu unternehmen.
Diese Abenteurer wollten wir zusammenbringen. Wir organisierten ein erstes Meeting in Gewölben des Pfarrhauses in Kunitz bei Jena, die auch Übernachtungsmöglichkeiten bot, und rechneten mit ca. 50 Teilnehmern vorwiegend aus Dresden, Berlin und aus Thüringen kommend. Hauptorganisatoren waren Karsten König, Sabine Körbs und Bruno Frischmuth. Viele „Transis“ aus Jena und deren Angehörige halfen bei der Vorbereitung. Wir wollten dem Ereignis einen Namen geben und kreierten 1988 die Abkürzung UdF – Unerlaubt durch Freundesland.
Mehr als einhundert UdFler und Freunde kamen zu der Veranstaltung und präsentierten in zwei Tagen nahezu 100 non-stop Diavorträge über ihre SU-Erlebnisse.
In den nächsten Jahren wurde das UdF-Meeting wiederholt, der Teilnehmerkreis wuchs. Vielfach wurden auch die Bezeichungen UdF – Unerkannt durch Freundesland und später UdW – Ungewöhnlich durch die Welt verwendet.
Wir (Karsten König, Sabine König, Frank Warkus) organisierten ein letztes UdF-Treffen im Gewölbekeller in Kunitz im Juli 1998. Anlass war der viel zu frühe Tod des UdF-Pioniers Bruno Frischmuth, der im Frühjahr 1998 bei einem Verkehrsunfall in Ägypten ums Leben kam. In der Veranstaltung wurde an die früheren Reisen in die „verbotene“ Sowjetunion erinnert, aber auch über Erfahrungen berichtet, wie die UdF-Trips das gegenwärtige Reisen prägen. So berichtete Karsten König über seine Reise durch das „russische Reich“, die Mongolei und China in das „verbotene“ Tibet, die ihn und Reinhardt Tauchnitz im Mai 1990 auf den Gipfel des Shisha Pangma führten. Sie wurden damit die einzigen DDR-Bürger, die einen Achttausender bestiegen.

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